Dem Meer entgegen von Lidija Hilje

Dem Meer entgegen von Lidija Hilje

Dem Meer entgegen
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 400
Verlag: hanserblau
Sprache: Deutsch
Originaltitel: SLANTING TOWARDS THE SEA
ISBN-10: 3446287248
Kaufen: Amazon.de

Liebe als selbstgewählte Gefangenschaft

Bewertung: 7,5/10 ⭐

Inhalt:

Ein poetischer Sommerroman vor der Küste Kroatiens über alte Gefühle, eine zweite Chance auf die Liebe und den Mut zu einem Neubeginn.In ihren späten Dreißigern kehrt Ivona in ihre Heimatstadt Zadar an der kroatischen Küste zurück. Das Meer schimmert, die Luft duftet nach Sommer, und der Wind streicht sanft durch den alten Olivenhain ihrer Großmutter – doch Ivona hadert mit dem, was nicht geworden ist. Ihre Ehe ist an einem alles verändernden Geheimnis zerbrochen, und statt als Biologin arbeitet sie in einem Schreibwarenladen. Als sich ihre Wege nach Jahren wieder mit ihrem Ex-Mann Vlaho kreuzen, erwachen alte Gefühle, aber gerade jetzt eröffnet ein unerwartetes Angebot Ivona die Chance auf einen Neubeginn in Italien – und sie muss sich entscheiden, ob sie Vergangenes hinter sich lassen kann. Ein atmosphärischer, kraftvoller Roman zwischen Sommerlicht, Erinnerungen und der Möglichkeit eines anderen Lebens.

Review:

Liebesromane leiden häufig an derselben Krankheit: Sie verwechseln große Gefühle mit großen Gesten. "Dem Meer entgegen" verweigert sich diesem Missverständnis erfreulich hartnäckig. Lidija Hilje interessiert sich weder für romantischen Kitsch noch für sentimentale Erlösung. Sie schreibt über Menschen, die ihr Unglück mit derselben Beharrlichkeit pflegen wie andere ihren Rosengarten. Das machte mich beim Lesen nicht selten ratlos, gelegentlich sogar ungeduldig. Und dennoch entwickelte dieser Roman einen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Gerade weil Hilje ihren Figuren jede einfache Flucht aus ihrer Vergangenheit verweigert, entsteht eine emotionale Wucht, die lange nachhallt.

Ivona gehört zu jenen literarischen Figuren, die einem den letzten Nerv rauben und gerade deshalb im Gedächtnis bleiben. Immer wieder traf sie Entscheidungen, die ich am liebsten lautstark infrage gestellt hätte. Ihre Opferbereitschaft erscheint zunächst nobel, verwandelt sich jedoch zunehmend in eine Form emotionaler Selbstbestrafung. Hilje zeichnet das mit bemerkenswerter Konsequenz nach. Aus einer Liebe wird keine Erlösung, sondern ein lebenslanges Echo. Ivona und Vlaho bleiben auch nach ihrer Trennung unauflöslich aneinander gebunden. Nicht durch gemeinsame Erinnerungen allein, sondern durch das, was unausgesprochen zwischen ihnen stehen bleibt.

Gerade diese psychologische Genauigkeit macht den Roman so überzeugend. Hilje verlangt ihren Figuren nichts Heroisches ab. Sie dürfen widersprüchlich sein, irrational handeln und sich immer wieder in ihren eigenen Gefühlen verfangen. Das ist bisweilen unerquicklich, aber erschreckend glaubwürdig. Ich musste die Figuren nicht mögen, um ihnen zu glauben. Tatsächlich empfand ich ihre Schwächen oft als die größte Stärke des Romans.

Hinzu kommt ein Schauplatz, der weit mehr ist als bloße Kulisse. Das Kroatien der jungen Demokratie, die Adriaküste, die Hitze, das Meer und die Olivenhaine verleihen der Geschichte eine stille Melancholie. Die Landschaft illustriert die Handlung nicht, sie trägt sie. Selten habe ich einen Roman gelesen, in dem Ort und Stimmung so selbstverständlich miteinander verschmelzen. Das Meer wird zum Sinnbild einer Vergangenheit, die lockt, tröstet und zugleich jede Bewegung nach vorn erschwert.

Auch sprachlich beeindruckte mich Hilje. Ihre Prosa besitzt eine ruhige Eleganz und eine bemerkenswerte emotionale Präzision. Immer wieder gelingen ihr Bilder und Beobachtungen, die lange nachwirken. Gelegentlich greift sie allerdings zu Metaphern, die eher Aufmerksamkeit erzeugen als Erkenntnis. Solche Ausreißer bleiben glücklicherweise selten und ändern nichts daran, dass dieser Roman sprachlich über weite Strecken eine erstaunliche Reife ausstrahlt.

Wer hier eine klassische Geschichte über zweite Chancen erwartet, dürfte enttäuscht werden. "Dem Meer entgegen" erzählt vielmehr von Menschen, die den Mut zur Veränderung immer wieder gegen die Vertrautheit ihres Schmerzes eintauschen. Das ist kein Wohlfühlroman. Er fordert Geduld, Mitgefühl und bisweilen starke Nerven. Dafür schenkt er etwas, das weit seltener geworden ist: Figuren, die sich nicht nach den Erwartungen des Lesers richten, sondern ihrer eigenen inneren Wahrheit folgen.

Ich habe mich über Ivona geärgert. Ich habe ihre Entscheidungen oft nicht verstanden. Und doch hat mich dieses Buch bis zur letzten Seite festgehalten. Vielleicht gerade deshalb. Gute Literatur muss nicht trösten. Manchmal genügt es, wenn sie den Finger so präzise in eine Wunde legt, dass man sie noch lange spürt, nachdem das Buch längst wieder im Regal steht.

Dem Meer entgegen von Lidija Hilje Dem Meer entgegen von Lidija Hilje Reviewed by Darkybald on Sonntag, Juli 19, 2026 Rating: 5

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