Aus dem Dunkel von Naja Marie Aidt

Aus dem Dunkel von Naja Marie Aidt

Aus dem Dunkel
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 256
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Øvelser i mørke- (Exercises in Darkness)
ISBN-10: 363087830X
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Ein Roman wie ein langsamer Heilungsprozess

Bewertung: 8,5/10 ⭐

Inhalt:

Die große weibliche Stimme der skandinavischen Literatur. Ausgezeichnet mit dem Nordischen Preis der Schwedischen Akademie.Eine Geschichte, in der sich jede Frau wiedererkennt: über männliche Übergriffigkeit und weibliche Solidarität. Und über die Kraft der Freundschaft. Die preisgekrönte dänische Schriftstellerin Naja Marie Aidt erzählt von einer Frau in einer Lebenskrise. Und von vier Freundinnen, die ein Ziel vereint: ihr zu helfen, wieder Licht in das Dunkel zu bringen. Das Leben könnte so unbeschwert und hell sein. Sie lebt in einer gemütlichen Wohnung, hat drei erwachsene Söhne und wunderbare Enkelkinder. Eines Abends jedoch wird sie aus der Bahn geworfen. Als sie vom Kino nach Hause radelt, beobachtet sie, wie ein Mann eine junge Frau angreift. Sie will dazwischengehen, wird dabei aber selbst verletzt. Wie mit der Angst weiterleben? Ein Therapeut hilft ihr, aus dem Dunkel zu treten. Doch zugleich werden Erinnerungen wach - an den gewalttätigen Vater, den frühen Tod der Schwester, einen sexuellen Übergriff. Wie bleibt man im Kern intakt, egal was einem widerfährt? Es ist ein schier endloses Ringen mit den Gespenstern der Vergangenheit. Wären da nicht die Frauen, die Freundinnen, die sie stützen. Sie sitzen mit ihr am Küchentisch, gehen mit ihr schwimmen und geben ihr letztlich das, wonach sie sucht: Halt, Fürsorge, Verständnis. »Nicola mit den krausen Haaren und kräftigen Händen. Und Annie und Lea und Rose. Meine Freundinnen. Wir sitzen gern in einer unserer Küchen zusammen und trinken Kaffee. Ohne diese Freundinnen, diese Frauen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben, hätte ich mein Leben nie bewältigt. So sehe ich das. Sie sind meine Gefolgschaft und umgekehrt.«

Review:

Man könnte diese Prosa leicht missverstehen. „Aus dem Dunkel“ tarnt sich zunächst als stilles Buch, beinahe unscheinbar in seiner Bewegung, zurückhaltend im Ton, sparsam in der Dramaturgie. Doch gerade in dieser Verweigerung des literarischen Spektakels liegt seine Wucht. Das ist kein Roman, der mit grellen Traumabildern hantiert oder seine Verletzungen marktschreierisch ausstellt. Er arbeitet vielmehr wie Wasser auf Stein: langsam, geduldig, unerbittlich.

Die Erzählerin bewegt sich durch ein Leben, das von männlicher Gewalt, psychischer Erschöpfung und den Nachbeben vergangener Verwundungen gezeichnet ist. Aber die eigentliche Leistung dieses Romans besteht darin, Trauma nicht als Ausnahmezustand zu schildern, sondern als atmosphärische Dauerlage. Angst sitzt hier nicht in einzelnen Szenen, sondern in Blicken, Körpern, Erinnerungsfetzen, in der Art, wie jemand einen Raum betritt oder das Licht meidet. Der Titel ist dabei nicht bloß Metapher, sondern Programm: Dunkelheit wird zu einem Erfahrungsraum, den die Erzählerin nicht besiegen, sondern zunächst überhaupt aushalten lernen muss.

Was dabei fasziniert, ist die eigentümliche Balance zwischen Nüchternheit und Poesie. Die Sprache bleibt kontrolliert, beinahe vorsichtig, als fürchte sie selbst, zu tief in die offenen Wunden zu greifen. Und gerade deshalb treffen einzelne Bilder mit umso größerer Kraft. Wenn Mutterschaft als kosmische Erfahrung beschrieben wird, wenn aus Schmerz plötzlich Schwerelosigkeit entsteht, dann öffnet sich mitten im grauen Alltag eine sprachliche Schönheit, die nie kitschig wird. Diese Autorin weiß offenbar genau, dass Pathos nur funktioniert, wenn man es sich nicht anmerkt.

Besonders klug ist zudem, wie der Roman weibliche Solidarität zeichnet. Hier werden keine idealisierten Freundschaftstableaus aufgebaut, keine kalenderreifen Schwesternschaftsparolen verkündet. Stattdessen entsteht etwas viel Glaubwürdigeres: Frauen, die bleiben. Die aushalten. Die zuhören, ohne alles heilen zu wollen. In einer Literatur, die weibliche Beziehungen oft entweder als Konkurrenzarena oder Wellnessgemeinschaft inszeniert, wirkt diese stille Loyalität fast radikal.

Bemerkenswert ist auch, wie der Roman männliche Gewalt behandelt. Nicht sensationslüstern, nicht didaktisch, nicht mit der Absicht moralischer Eindeutigkeit. Die Gewalt steht nicht im Zentrum der Erzählung und dominiert dennoch jede Seite, wie ein Schatten, der nie ganz verschwindet. Gerade diese Zurückhaltung macht sie so beklemmend. Man versteht schnell: Das Entscheidende sind nicht die Taten selbst, sondern ihre Langzeitwirkung auf Körper und Bewusstsein.

Natürlich verlangt „Aus dem Dunkel“ Geduld. Wer Handlung im klassischen Sinn sucht, dürfte sich streckenweise verloren fühlen. Der Roman bewegt sich in kleinen Kreisen, tastend, wiederholend, beinahe therapeutisch. Doch genau darin liegt seine Konsequenz. Heilung verläuft nun einmal selten dramaturgisch elegant. Sie stockt, taumelt, schweigt. Dieses Buch akzeptiert das und gewinnt daraus seine Wahrhaftigkeit.

Am Ende bleibt weniger die Erinnerung an konkrete Ereignisse als an ein Gefühl: an diese merkwürdige Gleichzeitigkeit von Bitterkeit und Wärme, Verzweiflung und Fürsorge. „Aus dem Dunkel“ ist kein Trostbuch. Aber es ist ein Roman, der begreift, dass Menschen manchmal nicht gerettet werden müssen, sondern lediglich jemanden brauchen, der mit ihnen in der Dunkelheit sitzen bleibt, bis sich die Augen langsam daran gewöhnen.

Aus dem Dunkel von Naja Marie Aidt Aus dem Dunkel von Naja Marie Aidt Reviewed by Darkybald on Samstag, Mai 23, 2026 Rating: 5

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