Ghost Stories von Siri Hustvedt

Ghost Stories von Siri Hustvedt

Ghost Stories
Seiten: 400
Verlag: Rowohlt Hardcover
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498007882
Kaufen: Amazon.de
Ein Gespräch, das der Tod nicht beenden kann
Bewertung: 9/10 ⭐

Inhalt:

Als er im Sterben lag, sagte Paul Auster seiner Frau, er wolle ein Geist werden. Und das ist er für Siri Hustvedt geworden: eine allzeit spürbare Präsenz, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie meint, seine Zigarillos im Haus zu riechen, sie liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte, die 43 Jahre währen sollte.Mit ihrem beispiellosen Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch nähert sie sich dem unmöglichen Wunsch, Paul zu neuem Leben zu erwecken. Und Paul selbst kommt zu Wort, mit Briefen, die er für den Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles hinterlassen hat.In diesem großen Werk der Erinnerung werden Fragen aufgeworfen, die alle Menschen angehen; es lässt eine einzigartige Liebes- und Lebensgemeinschaft wiedererstehen, die des legendär gewordenen Autorenpaars aus Brooklyn.

Review:

Man kann dieses Buch lesen wie ein Gespräch, das nie hätte enden dürfen – und das gerade deshalb weitergeführt wird, in einer Sprache, die sich weigert, den Tod als letzten Punkt zu akzeptieren. Ghost Stories ist kein Erinnerungsband im herkömmlichen Sinn, sondern eine literarische Beschwörung: zart, insistierend, manchmal fast unheimlich in ihrer stillen Intensität.

Siri Hustvedt schreibt über Paul Auster, aber eigentlich schreibt sie mit ihm weiter. Ihre Seiten sind bevölkert von Briefen, Fragmenten, Gedankenfetzen – Spuren eines gemeinsamen Denkens, das sich über vier Jahrzehnte hinweg ineinander verschränkt hat. Was hier sichtbar wird, ist weniger die Chronik einer großen Ehe als deren intellektuelle Topografie: zwei Bewusstseine, die sich gegenseitig geschärft, herausgefordert und getragen haben.

Der eigentliche Gegenstand dieses Buches ist nicht der Verlust, sondern seine eigentümliche Produktivität. Hustvedt interessiert sich nicht für das Pathos der Trauer, sondern für ihre Struktur. Wie bleibt ein Mensch anwesend, obwohl er fehlt? Wie verändert sich Identität, wenn der wichtigste Resonanzraum plötzlich verstummt? In diesen Fragen liegt die eigentliche Radikalität dieses Textes. Der Verstorbene wird hier nicht verabschiedet, sondern in eine andere Form von Gegenwart überführt – in Gerüchen, in Sätzen, in wiederentdeckten Briefen, die plötzlich wie Botschaften aus einer Zwischenwelt wirken.

Auffällig ist die formale Offenheit. Das Buch verweigert sich einer linearen Erzählung und gleicht eher einem Mosaik, in dem sich Privates und Politisches überlagern. Die Geschichte dieser Beziehung ist untrennbar verwoben mit der Geschichte Amerikas, mit seinen Verwerfungen, seinem moralischen Taumeln. Der körperliche Verfall Austers scheint sich stellenweise unheimlich mit einem gesellschaftlichen Verfall zu synchronisieren – als würde das Individuelle plötzlich eine politische Resonanz bekommen. Das ist kein Zufall, sondern literarische Setzung: Hustvedt denkt immer im größeren Zusammenhang.

Dabei bleibt ihre Sprache bemerkenswert diszipliniert. Kein Ausstellen von Schmerz, kein sentimentales Drängen auf Rührung. Stattdessen eine präzise, fast essayistische Klarheit, die gerade durch ihre Zurückhaltung erschüttert. Man liest diese Sätze und spürt, dass hier jemand nicht nur fühlt, sondern versteht – und dieses Verstehen gegen das Vergessen in Stellung bringt.

Natürlich verlangt dieses Buch Geduld. Es ist kein Text, den man konsumiert, sondern einer, in den man sich einschreibt. Wer schnelle Dramaturgie sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch bereit ist, sich auf die langsame Bewegung des Erinnerns einzulassen, erlebt etwas Seltenes: Literatur, die nicht nur von Liebe und Verlust erzählt, sondern beides in eine neue, beinahe tröstliche Form überführt.

Am Ende bleibt weniger Trauer als eine eigentümliche Form von Bewunderung. Für eine Beziehung, die über den Tod hinaus denkt. Und für eine Autorin, die den Mut besitzt, genau dort weiterzuschreiben, wo andere verstummen würden.

Ghost Stories von Siri Hustvedt Ghost Stories von Siri Hustvedt Reviewed by Darkybald on Dienstag, Mai 05, 2026 Rating: 5

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