Lady Trents Memoiren 2: Der Wendekreis der Schlangen von Marie Brennan
Lady Trents Memoiren 2: Der Wendekreis der Schlangen von Marie Brennan
Die klügste Fantasyreihe für Menschen, die eigentlich keine Fantasy mögen
Inhalt:
Aufmerksame Leser wissen bereits, wie sich die belesene und zielstrebige Isabella auf den historischen Weg gemacht hat, der sie eines Tages zur führenden Drachenforscherin der Welt machen würde. In diesem beeindruckend offenherzigen Nachfolger blickt Lady Trent auf die nächsten Schritte ihrer glorreichen (und gelegentlich skandalösen) Karriere zurück. Drei Jahre nach ihrer schicksalhaften Reise durch die abschreckenden Gebirge von Vystrana ignoriert Lady Trent gängige Konventionen und bricht zu einer Expedition auf, die sie auf den wilden, kriegszerrütteten Kontinent Erga führt. Dort liegt die Heimat solch exotischer Drachenarten wie die Grasschlangen der Savanne, Baumschlangen und die geheimnisvollste von allen, die legendären Sumpfwürmer der Tropen. Die Expedition gestaltet sich als schwierig. In Begleitung einer alten Freundin und einer Thronerbin auf der Flucht, muss sich Isabella drückender Hitze, gnadenlosen Fiebern, Palastintrigen, Klatsch und Tratsch und anderen Bedrohungen stellen, um ihre grenzenlose Faszination alles Drachen betreffende zu befriedigen. Selbst wenn sie dafür tief in den verbotenen Dschungel vordringen muss, der gemeinhin die Grüne Hölle genannt wird. Dort werden ihr Mut, ihr Einfallsreichtum und ihre wissenschaftliche Neugierde auf Proben gestellt, wie sie es bislang noch nicht erlebt hat.
Review:
Marie Brennan betreibt mit „Lady Trents Memoiren“ ein literarisches Vexierspiel: Auf den ersten Blick verkauft sie uns Drachenfantasy, tatsächlich aber schreibt sie etwas viel Raffinierteres: den Abenteuerroman einer Frau, die sich weigert, von ihrer Epoche domestiziert zu werden. „Der Wendekreis der Schlangen“ führt diese Idee mit bemerkenswerter Konsequenz fort und riskiert dabei etwas, das heute fast schon als mutig gelten muss: Geduld.
Wer nach feuerspeiender Daueraction sucht, wird vermutlich schon nach hundert Seiten unruhig auf dem Sofa herumrutschen wie ein Kind im Opernhaus. Brennan interessiert sich nicht für Drachen als pyrotechnisches Spektakel. Ihre Drachen sind keine Reittiere für testosterongeschwängerte Heldenfantasien, sondern Forschungsobjekte. Isabella Trent nähert sich ihnen wie eine Feldbiologin einem scheuen Raubtier: beobachtend, respektvoll, wissenschaftlich besessen. Genau darin liegt die eigentliche Originalität dieser Reihe. Brennan schreibt keine Fantasy über Macht, sondern über Erkenntnisdrang.
Dass der Roman deshalb streckenweise eher wie ein ethnologischer Reisebericht aus dem viktorianischen Zeitalter wirkt als wie klassische Fantasy, ist kein Unfall, sondern Programm. Eriga, dieses fiebrige, politisch zerrissene Tropenland, erinnert unverkennbar an koloniale Expeditionsliteratur des 19. Jahrhunderts, mitsamt kulturellen Spannungen, Fremdheitsfantasien und den Machtmechanismen europäischer Einflussnahme. Brennan übernimmt diese Tradition allerdings nicht blindlings, sondern seziert sie. Isabella stolpert nicht mehr mit der arroganten Selbstverständlichkeit der westlichen Forscherin durch fremde Kulturen wie noch im ersten Band. Sie lernt Sprachen, beobachtet Rituale, reflektiert ihre eigenen Vorurteile. Gerade dadurch gewinnt die Figur an Tiefe.
Überhaupt ist Isabella Trent das eigentliche Wunder dieser Reihe. Ihre größte Qualität besteht darin, dass sie niemals zur makellosen Identifikationsfigur weichgespült wird. Sie ist brillant, eigensinnig, mutig und zugleich unbequem. Besonders eindrucksvoll gerät dabei der Umgang mit Mutterschaft. Fantasy neigt sonst gern dazu, Frauen entweder zu Heiligen oder zu Monstern zu erklären, sobald Kinder ins Spiel kommen. Brennan erlaubt ihrer Heldin stattdessen etwas wesentlich Menschlicheres: Ambivalenz. Isabella liebt ihren Sohn, aber sie liebt eben auch ihre Arbeit. Diese Spannung wird nicht sentimental aufgelöst, sondern bleibt schmerzhaft bestehen. Genau dadurch wirkt sie glaubwürdig.
Natürlich hat der Roman Schwächen. Die politische Gemengelage wird bisweilen so detailverliebt ausgebreitet, dass man das Gefühl bekommt, Brennan wolle einem ein komplettes Kolonialverwaltungsseminar aufzwingen. Namen, Fraktionen, Stammeskonflikte, diplomatische Interessen, manches davon entfaltet eher die trockene Faszination einer historischen Monografie. Der Roman verliert sich gelegentlich in seinem eigenen Weltenbau und verwechselt atmosphärische Dichte mit narrativer Trägheit. Es gibt Passagen, in denen selbst Isabella zu ahnen scheint, dass die Leser inzwischen lieber wieder einem Drachen begegnen würden.
Und doch: Sobald Brennan ihre Expedition tief in den „Grünen Höllendschungel“ führt, entfaltet das Buch eine eigentümliche Magie. Diese schwüle, lebensfeindliche Wildnis mit ihren morschen Hängebrücken, Krankheiten und lautlosen Gefahren wirkt greifbar genug, um Schweißflecken auf den Buchseiten zu hinterlassen. Dort entstehen die stärksten Momente des Romans: nicht in Kämpfen, sondern im Staunen. Wenn Isabella auf neue Erkenntnisse über die Drachen stößt, spürt man jene fast kindliche Ehrfurcht vor dem Unbekannten, die große Entdeckerliteratur seit jeher antreibt.
„Der Wendekreis der Schlangen“ ist deshalb ein Roman, der sich entschieden gegen moderne Fantasygewohnheiten sperrt. Er will nicht berauschen, sondern faszinieren. Nicht eskalieren, sondern beobachten. Marie Brennan schreibt mit der Seele einer Naturforscherin und dem Blick einer Historikerin. Das macht dieses Buch manchmal sperrig, gelegentlich langatmig, aber zugleich ungewöhnlich intelligent. Wer bereit ist, sich auf diese gemächliche, neugierige Art des Erzählens einzulassen, entdeckt hier etwas Seltenes: Fantasy, die tatsächlich denkt.












Post a Comment