Paradise Garden von Elena Fischer
Paradise Garden von Elena Fischer
Ein Roadtrip, der mehr tröstet als erschüttert
Inhalt:
Die 14-jährige Billie verbringt die meiste Zeit in ihrer Hochhaussiedlung. Am Monatsende reicht das Geld nur für Nudeln mit Ketchup, doch ihre Mutter Marika bringt mit Fantasie und einem großen Herzen Billies Welt zum Leuchten. Dann reist unerwünscht die Großmutter aus Ungarn an, und Billie verliert viel mehr als nur den bunten Alltag mit ihrer Mutter. Als sie Marika keine Fragen mehr stellen kann, fährt Billie im alten Nissan allein los – sie muss den ihr unbekannten Vater finden und herausbekommen, warum sie so oft vom Meer träumt, obwohl sie noch nie da war.
Review:
„Paradise Garden" ist das diesjährige Buch der Aktion „Koblenz liest ein Buch", die vom 5. Mai bis zum 25. Juni stattfindet, und die Wahl hätte passender kaum ausfallen können.
Debütromane haben eine eigentümliche Unverfrorenheit. Sie wissen noch nicht, dass man bestimmte Dinge nicht tun darf: zu viel fühlen, zu direkt auf die großen Wunden zeigen, zu offen lieben. Elena Fischer hat dieses Unwissen produktiv gemacht. „Paradise Garden" ist ein Coming-of-Age-Roman, der sich um literarische Konventionen herzlich wenig schert und genau deshalb funktioniert.
Billie ist vierzehn, lebt mit ihrer Mutter Marika in einer Hochhaussiedlung, und die Welt dieser beiden ist klein, aber vollständig. Marika schleppt zwei Jobs, und trotzdem, oder gerade deshalb, hat diese Mini-Familie eine Lebendigkeit, die sich gegen jeden Mangel behauptet. Liegestühle auf dem Laubengang statt Sommerurlaub. Der „Paradise Garden", der größte Eisbecher im Café Venezia, als Luxus. Es ist diese Fähigkeit der Autorin, Armut nicht als Kulisse des Elends zu inszenieren, sondern als Raum echter menschlicher Wärme, die den Roman von Beginn an trägt. Dann stirbt die Mutter. Und Billie, allein und wütend, schnappt sich das Auto und fährt zur Nordsee, auf der Spur eines Vaters, den sie nie kannte.
Der Roadtrip, der daraus entsteht, erinnert unweigerlich an Herrndorfs „Tschick", und Fischer ist klug genug, diesem Vergleich nicht auszuweichen, sondern ihn mit eigenen Mitteln zu bestehen. Wo Herrndorf in die Abgründe stürzte, wählt Fischer das Streiflicht. Ihre Figuren bleiben nicht im Schmerz stecken; sie bewegen sich durch ihn hindurch. Das ist keine Schwäche, sondern eine Entscheidung, eine, die man diskutieren kann. Denn gelegentlich wünscht man sich, die Autorin würde die Dunkelheit, die sie so präzise aufmacht, auch wirklich betreten, statt ihr mit einem glitzernden Stern zu begegnen. Die psychologische Tiefe, die der Plot andeutet, wird nicht immer ausgeschöpft. Manche Fügungen sind zu glatt, manche Begegnungen auf Billies Weg zu gütig, um ganz glaubhaft zu sein.
Und doch: Was Fischer am besten kann, überwiegt. Ihre Charaktere sind unvergesslich. Nicht wegen dramatischer Überzeichnung, sondern wegen der kleinen, präzisen Details, mit denen sie sie zeichnet. Ein Anrufbeantworter. Ein zerrissenes Foto. Ein Kassenzettel als Wegweiser. Die Sprache ist kurz, temporeich, treffsicher und trägt bisweilen Sätze, die man nicht so schnell wieder loswird. „Mein Leben war in zwei Teile zerfallen. In ein Davor und in ein Danach. Davor war meine Mutter die Antwort, danach war sie die Frage." Das ist kein Zufallstreffer; das ist Haltung.
„Paradise Garden" ist kein makelloses Buch. Aber es ist eines, das man nicht kalt lässt, und das ist im Literaturbetrieb die seltenere Leistung. Elena Fischer hat mit ihrem Debüt eine Stimme etabliert, der man gerne zuhört, auch wenn man ihr gelegentlich zurufen möchte, sie möge sich ruhig mehr zutrauen. Der nächste Roman wird zeigen, ob sie das hört. Man darf gespannt sein. 7 von 10.












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