Die Riesinnen von Hannah Häffner

Die Riesinnen von Hannah Häffner

Die Riesinnen
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 416
Verlag: Penguin Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328604332
Kaufen: Amazon.de

Wenn Sprache stärker ist als Handlung

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»›Die Riesinnen‹ saugen einen auf der ersten Seite ein, und am Ende dieses Drei-Generationen-Porträts großer Frauen wird man atemlos ausgespuckt. Wüst, wild, bewegend und voller Poesie.« DORIS KNECHT»Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier.«Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.In dunkler, satter, aber auch zarter Poesie erzählt Hannah Häffner mit stilistischer Präzision, feinem Humor und einer subtilen Beobachtungsgabe die Geschichte dreier Frauen, die sich von den 60-er Jahren bis in unsere Zeit spannt. Ein lange nachhallender Roman über die Sehnsucht nach Freiheit und Wurzeln, über Mütter und Töchter und über die Kraft der Natur. »Der zauberhafte Roman ›Die Riesinnen‹ von Hannah Häffner wird für Furore sorgen.« Peer Teuwsen, Neue Zürcher Zeitung»Neue deutsche Heimatliteratur auf den Spuren Dörte Hansens.« Denis Scheck

Review:

Wer sich in den Schwarzwald dieser Erzählung begibt, betritt kein Postkartenidyll, sondern ein Gelände aus Moos, Blut und stillen Zumutungen. Die Riesinnen ist ein Roman, der weniger durch Handlung voranschreitet als durch Verdichtung, ein tastendes Fortschreiben von Leben über Generationen hinweg, getragen von einer Sprache, die sich ihrer eigenen Schönheit sehr bewusst ist.

Im Zentrum stehen drei Frauen, die schon durch ihre physische Präsenz aus der Ordnung des Dorfes herausfallen. Doch die eigentliche Größe dieser „Riesinnen“ liegt nicht im Körperlichen, sondern im Beharren auf Selbstbestimmung, auf Abweichung, auf einem Leben jenseits der zugedachten Bahnen. Die Großmutter Liese eröffnet diesen Reigen mit einer Entscheidung, die zugleich Emanzipationsgestus und erzählerische Sollbruchstelle ist. Dass sie ohne erkennbare fachliche Grundlage eine Metzgerei übernimmt, wirkt weniger wie ein realistisches Szenario als wie ein symbolischer Akt, ein literarischer Befreiungsschlag, der sich nicht um handwerkliche Plausibilität schert. Das kann man als Schwäche lesen, weil es die erzählte Welt unterminiert. Man kann es aber auch als bewusste Setzung verstehen, als Priorisierung der inneren Wahrheit über die äußere Wahrscheinlichkeit.

Die nachfolgenden Generationen variieren dieses Motiv. Cora, die Tochter, bleibt dabei seltsam entrückt, ein Charakter, der mehr behauptet als durchdrungen wird, dessen Wut eher behauptet als erfahrbar ist. Erst mit Eva, der Enkelin, gewinnt der Roman wieder Bodenhaftung. Ihre Rückkehr ins Dorf wirkt weniger wie ein erzählerischer Zwang als wie eine Konsequenz, die aus dem zuvor Erzählten tatsächlich erwächst. Hier schließt sich ein Kreis, ohne dass er vollständig befriedigt.

Was diesen Roman jedoch über weite Strecken trägt, ist seine Sprache. Sie changiert zwischen spröder Nüchternheit und poetischer Verdichtung, zwischen kühler Beobachtung und plötzlicher Zärtlichkeit. Man liest Sätze, die sich festsetzen, die nachhallen, die mehr Atmosphäre erzeugen als manch ausgeklügelte Handlung. Der Schwarzwald wird dabei nicht zur Kulisse, sondern zum Resonanzraum, ein Ort, der die Figuren formt, begrenzt und zugleich schützt.

Und doch bleibt ein leiser Vorbehalt. So eindringlich die Sprache ist, so vorhersehbar verlaufen oft die erzählerischen Linien. Der Roman bewegt sich auf bekanntem Terrain, Herkunft, Ausbruch, Rückkehr. Die Konflikte wirken bisweilen wie aus der Gegenwart heraus rückprojiziert, wodurch die historische Dimension an Glaubwürdigkeit verliert. Auch manche Figur bleibt skizzenhaft, wo Tiefe möglich gewesen wäre.

Am Ende ist „Die Riesinnen“ ein Roman, der sich weniger durch narrative Kühnheit als durch stilistische Souveränität behauptet. Er erzählt keine radikal neue Geschichte, aber er erzählt sie mit einer solchen sprachlichen Intensität, dass man ihm bereitwillig folgt, auch über jene Unebenheiten hinweg, an denen andere Texte scheitern würden. Ein Buch, das nicht vollkommen überzeugt, aber lange nachwirkt.

Die Riesinnen von Hannah Häffner Die Riesinnen von Hannah Häffner Reviewed by Darkybald on Sonntag, Mai 10, 2026 Rating: 5

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