Gliff von Ali Smith
Gliff von Ali Smith
Wenn Sprache das letzte Mittel des Widerstands ist
Inhalt:
Der neue Roman der preisgekrönten britischen Kultautorin: Zwei junge Menschen in einem feindlich gesinnten Staat, in dem die Vergangenheit entgleitet und jeder Widerstand unmöglich scheint.»Was Gliff bedeutet: Ein kurzer Augenblick. Eine leise Ähnlichkeit. Eine unverhoffte oder zufällige Aussicht. Ein flüchtiger Blick. Ein unvermittelter Schauder. Ein Wink. Etwas Schlaf. Ein Anflug von Krankheit, leichtes Angeschlagensein. Ein Hauch. Ein Schrecken. Ein Schock. Ein Beben. Ein Wimpernschlag.«Es war einmal, in nicht allzu weiter Zukunft: Zwei Geschwister, Bri und Rose, müssen sich von ihrer Mutter trennen, weil diese in einer weit entfernten Stadt Arbeit findet. Als die beiden nach Hause kommen, entdecken sie eine Linie aus noch nasser roter Farbe, die ihr Grundstück umgibt. Was hat das zu bedeuten, in diesem Land, das seine Einwohner mithilfe von Technologie streng kontrolliert und völlig entmenschlicht? Bri und Rose jedenfalls vermuten nichts Gutes und verstecken sich in einem leer stehenden Haus am anderen Ende der Stadt. Dort treffen sie bald auf eine Gruppe von Widerständlern, auf ein Pferd namens Gliff, und auf eine neue Form des Überlebens.»Gliff« erzählt mit Verweisen auf Klassiker der dystopischen Literatur eine elektrisierende, und so märchenhafte wie erschreckende Geschichte über zwei junge Menschen auf der Suche nach Halt in dieser schönen neuen Welt. Ali Smith zeigt uns, »wo Tapferkeit und Güte über Gefahr und Angst triumphieren.« (Financial Times)
Review:
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass die Gegenwart längst das Rohmaterial für Dystopien liefert, die wir einst als Fantasien abgetan hätten. Ali Smith weiß das, und in ihrem ersten Roman seit dem gefeierten Jahreszeitenquartett macht sie daraus Literatur von bemerkenswerter Dringlichkeit klug, sprachbesessen und von einer zornigen Zärtlichkeit durchzogen, die ihre besten Werke auszeichnet.
„Gliff" spielt in einem Morgen, das sich erschreckend wie heute anfühlt. Großbritannien ist in eine Überwachungsgesellschaft abgeglitten, in der algorithmische Kategorien über Menschenwürde entscheiden. Wer den Kontrollmechanismen des Staates entgeht oder sich ihnen widersetzt, wird zum „Unverifizierbaren" gestempelt zur Nichtperson, zur Randnotiz in einem Datensatz, aus dem man mit einem behördlichen Befehl einfach gelöscht werden kann. Inmitten dieser beklemmenden Ordnung stehen zwei Geschwister: die nonbinäre Bri und die jüngere Rose, allein in einer fremden Stadt, von ihrer Mutter getrennt, von roten Markierungen an ihrem Haus als gesellschaftlich unerwünscht gebrandmarkt. Und dann ist da noch Gliff ein grauer Wallach, dem die Schlachtbank bestimmt ist, dem Rose einen Namen gibt und damit, nach der Logik dieses Romans, eine Art Freiheit.
Denn nichts interessiert Smith mehr als Sprache, und nie war diese Besessenheit so politisch aufgeladen wie hier. In einer Welt, in der Begriffe von Konzernen gekapert und von Regierungen umgedeutet werden, in der Bildung verboten und Bibliotheken geschlossen sind, wird das Wort zur letzten Bastion des Widerstands. Smith demonstriert mit spielerischer Unnachgiebigkeit, wie Benennung Macht ist und wie die Verweigerung eindeutiger Kategorien ein Akt der Subversion sein kann. Bri, dessen Weigerung sich in binäre Geschlechterrollen einschreiben zu lassen in dieser Gesellschaft als bedrohliche Anomalie gilt, verkörpert genau jene Polysemie, die Smith zum Programm erhebt: die Möglichkeit, vieles zu bedeuten und sich keiner Definition vollständig zu ergeben.
Als literarische Vorlage schimmert Aldous Huxleys „Brave New World" durch den Text doch Smith beerbt Huxley nur, um ihn zu überschreiben. Wo Huxley ein androzentrisches Schreckensgemälde entwarf, das seine Misogynie mitunter unhinterfragt ließ, stellt Smith das Individuelle, das Weibliche, das Nichtkategorisierbare ins Zentrum. Die dystopische Architektur bleibt bewusst skizzenhaft, die Konturen des Regimes unscharf weil Smith weniger an totalitären Systemen als solchen interessiert ist als an dem, was sie mit Menschen machen. Dieser Fokus auf menschliche Textur, auf die kleinen Gesten der Fürsorge und des Trotzes, gibt dem Roman seine emotionale Wucht.
Formal ist „Gliff" zugänglicher als Smiths frühere Werke linearer, weniger labyrinthisch als etwa das Jahreszeitenquartett, wenngleich ihr Markenzeichen, das Wortspiel als erkenntnistheoretisches Werkzeug, auf jeder Seite präsent ist. Gelegentlich kippt der gesellschaftskritische Impuls ins Didaktische, und die Gegenüberstellung von Analogem und Digitalem wirkt manchmal zu schematisch, zu moralisch aufgeräumt für eine Autorin, die sonst so virtuos in Ambivalenzen lebt. Doch das sind Einwände am Rand eines Buches, das im Kern trifft, was es treffen will.
„Gliff" ist der erste Teil eines Diptychons der zweite Band, „Glyph", soll eine verborgene Geschichte im ersten enthüllen. Man legt diesen Roman aus der Hand und beginnt sofort, anders zu lesen: aufmerksamer auf die Wörter, misstrauischer gegenüber den Kategorien, neugieriger auf das, was zwischen den Zeilen wartet. Dass Literatur das kann uns als veränderte Leser zu entlassen ist ihr schönstes Privileg. Ali Smith nutzt es meisterhaft.












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