Dostojewski - Drei Bände im Schuber. Schuld und Sühne. Der Idiot. Weiße Nächte von Fjodor M. Dostojewski
Dostojewski - Drei Bände im Schuber. Schuld und Sühne. Der Idiot. Weiße Nächte von Fjodor M. Dostojewski
Dostojewski im Dreiklang der menschlichen Abgründe
Inhalt:
Zwei große Romane & die wichtigsten Erzählungen, gebunden im SchuberBand 1 »Der Idiot« Der kindlich-naive, an Epilepsie leidende Fürst Myschkin wirkt anziehend auf seine von Schmerz und Bosheit geprägte Umgebung. Immer tiefer verstrickt er sich in die Ränkespiele um die schöne Nastasja und seinen Rivalen Rogoschin ... Band 2 »Schuld und Sühne« Der von Idealen und Theorien verblendete Student Raskolnikow begeht einen grausamen Doppelmord. Von Schuldgefühlen geplagt, sehnt er sich nach Bestrafung. Rettung verspricht ihm höchstens seine Liebe zur Prostituierten Sofja. Band 3 »Weiße Nächte. Die großen Erzählungen« Neben den Erinnerungen eines Träumers an eine unerfüllte Liebe in den »Weißen Nächten« enthält der Band einen Querschnitt durch Dostojewskis erzählerisches Werk: Von frühen Werken (»Herr Prochartschin«, »Der ehrliche Dieb«) über satirisch-fantastische Texte (»Bobok«, »Das Krokodil«) zu den »Aufzeichnungen aus dem Kellerloch« und weiteren Erzählungen.
Review:
Der Schuber „Dostojewski – Drei Bände im Schuber. Schuld und Sühne. Der Idiot. Weiße Nächte“ ist kein bloßes Sammlerstück für Menschen, die sich im Regal gern mit russischer Weltliteratur schmücken. Er wirkt eher wie eine Einladung zu einem psychologischen Langstreckenlauf: drei Bücher, drei Formen menschlicher Selbstzerstörung, drei literarische Expeditionen in jene Zonen des Bewusstseins, in denen Moral, Sehnsucht und Wahn ununterscheidbar werden. Und bemerkenswert ist dabei vor allem, wie unterschiedlich Dostojewski seine Figuren an denselben inneren Abgrund führt.
Über „Weiße Nächte“ habe ich bereits ausführlicher an anderer Stelle geschrieben, weshalb hier nur so viel gesagt sei: Diese frühe Erzählung zeigt Dostojewski von seiner ungewöhnlich sanften Seite. Der namenlose Träumer, der in den hellen Petersburger Nächten für einen kurzen Moment glaubt, dem Leben näherzukommen, gehört zu den melancholischsten Figuren der Weltliteratur. Anders als viele spätere Dostojewski Figuren zerbricht er nicht spektakulär an Schuld oder Größenwahn, sondern an etwas viel Alltäglicherem: an der schlichten Tatsache, dass Gefühle nicht automatisch erwidert werden. Gerade diese stille Form des Verlusts macht die Erzählung bis heute so eindringlich. Wer mehr dazu lesen möchte, findet die ausführliche Besprechung bereits im separaten Blogbeitrag.
Das eigentliche Schwergewicht dieses Schubers liegt allerdings in „Schuld und Sühne“ und „Der Idiot“, zwei Romanen, die sich wie Gegenpole eines einzigen moralischen Experiments lesen.
„Schuld und Sühne“ besitzt jene seltene Qualität großer Literatur: Man verlässt das Buch nicht einfach, man trägt es eine Zeitlang wie eine Krankheit mit sich herum. Raskolnikow mordet nicht aus Leidenschaft, sondern aus Theorie. Genau darin liegt der Schrecken dieses Romans. Dostojewski interessiert sich nicht primär für die Tat selbst, sondern für die geistige Vergiftung, die ihr vorausgeht. Der Roman entwickelt daraus eine fiebrige Sogwirkung, die auch dann funktioniert, wenn man sich zwischendurch an den endlosen Monologen, den Abschweifungen und den eruptiven Dialogen beinahe erschöpft fühlt. Dostojewski schreibt nicht elegant im klassischen Sinn. Er schreibt wie ein Mensch, der unter Strom steht. Seine Figuren reden sich um Kopf und Seele, verlieren den Faden, widersprechen sich, delirieren und gerade dadurch wirken sie erschreckend lebendig.
Bemerkenswert ist, wie modern dieser Roman geblieben ist. Hinter der historischen Kulisse von St. Petersburg arbeitet ein zutiefst zeitloser Gedanke: dass Menschen sich moralische Ausnahmen für sich selbst konstruieren, sobald sie glauben, intellektuell überlegen zu sein. Raskolnikow will kein gewöhnlicher Verbrecher sein; er will beweisen, dass gewisse Menschen über den Regeln stehen. Dostojewski demontiert diese Idee mit brutaler Konsequenz. Nicht das Gericht vernichtet Raskolnikow, sondern sein eigenes Bewusstsein. Schuld wird hier zu einer psychischen Dauervergiftung. Genau deshalb wirkt der Roman bis heute so verstörend aktuell.
„Der Idiot“ schlägt anschließend einen völlig anderen Ton an und ist vielleicht gerade deshalb der noch schwierigere Roman. Wo „Schuld und Sühne“ von einem Menschen handelt, der sich moralisch über andere erhebt, erzählt „Der Idiot“ von einem Menschen, der scheinbar vollkommen gut sein möchte. Fürst Myschkin kehrt wie ein Fremdkörper in eine Gesellschaft zurück, die von Geld, Eitelkeit, sexueller Obsession und sozialem Machtspiel beherrscht wird. Die große Provokation des Romans besteht darin, dass Dostojewski ernsthaft versucht, einen „guten Menschen“ in die moderne Welt zu setzen und dann beobachtet, wie alles um ihn herum daran zerbricht.
Gerade Myschkin macht den Roman so faszinierend und gleichzeitig so irritierend. Man schwankt permanent zwischen Mitgefühl und Ärger. Einerseits besitzt er eine beinahe entwaffnende Aufrichtigkeit, andererseits wirkt seine Güte oft erschreckend passiv. Er versteht Menschen intuitiv, aber hilft ihnen selten wirklich. Viele Figuren um ihn herum, Rogoschin, Nastassja Filippowna oder Aglaja, erscheinen letztlich widersprüchlicher, leidenschaftlicher und menschlicher als der titelgebende „Idiot“ selbst. Und genau darin könnte Dostojewskis eigentliche Genialität liegen: Vielleicht ist Myschkin gar kein überzeugendes Heiligenbild, sondern der Beweis dafür, dass reine Güte in einer nervösen, modernen Gesellschaft beinahe zwangsläufig zur sozialen Katastrophe wird.
Besonders stark wird der Roman immer dann, wenn Dostojewski seine Figuren nicht diskutieren, sondern emotional kollidieren lässt. Dann verwandelt sich das Buch stellenweise fast in ein hysterisches Gesellschaftsdrama voller Eifersucht, Demütigung, religiöser Verzweiflung und zerstörerischer Liebe. Die berühmten philosophischen Passagen über Glauben, Nihilismus oder Moral sind interessant, die eigentliche Wucht entsteht aber aus den zwischenmenschlichen Spannungen. Dostojewski zeigt Menschen, die verzweifelt nach Sinn suchen und gleichzeitig unfähig sind, einander wirklich zu erreichen.
Dieser Schuber funktioniert deshalb so gut, weil die drei Bücher unterschiedliche Seiten desselben Autors freilegen. „Weiße Nächte“ zeigt den melancholischen Romantiker. „Schuld und Sühne“ den psychologischen Sezierer. „Der Idiot“ den religiösen und gesellschaftlichen Provokateur. Zusammen ergeben sie kein harmonisches Gesamtbild, sondern ein literarisches Spannungsfeld voller Widersprüche, genau das macht Dostojewski bis heute so lebendig.
Man liest diese Bücher nicht, um sich wohlzufühlen. Man liest sie, weil kaum ein anderer Schriftsteller die menschliche Seele derart kompromisslos freilegt. Und weil Dostojewski etwas gelingt, das nur sehr wenigen Autoren gelingt: Seine Figuren fühlen sich nicht wie erfundene Charaktere an, sondern wie Menschen, denen man irgendwann im eigenen Leben bereits begegnet ist, vermutlich im ungünstigsten Moment.













Post a Comment